Interview der Stuttgarter Nachrichten (25.02.09)
„Auf dem Platz ist Jens ein anderer Mensch“
Ex-VfB-Stürmer Fredi Bobic kennt Jens Lehmann aus gemeinsamen Zeiten bei Borussia Dortmund. „Jens muss aufpassen, dass er nicht überdreht“, sagt der 37-Jährige über die Eskapaden des VfB-Torhüters.
Hallo, Fredi Bobic, der VfB steckt mitten in der Derby-Woche. Erst Hoffenheim, am Sonntag das Spiel beim Karlsruher SC
Oh je, ich ahne, was jetzt kommt. Sie wollen mich als Kronzeugen in Sachen Derbys befragen.
Ihr Motto lautete doch immer: lieber mittendrin statt nur dabei.
Ja, speziell gegen den KSC. Das waren meistens keine Fußballspiele, sondern Ringkämpfe. Da ist das Blut schon Tage vorher in Wallung geraten.
Demzufolge hat Sie der Schuhwurf von Jens Lehmann im Derby gegen Hoffenheim nicht überrascht?
Nein, das ist etwas anderes. Diese Aktion war absolut unnötig.
Wie – und das aus Ihrem Mund?
Ich finde, Jens muss aufpassen, dass er nicht überdreht. Der Szene ging ja keine Provokation von Sejad Salihovic voraus. Man muss auch die Wirkung nach außen sehen. Jens kommt da einfach arrogant rüber.
Sie haben Lehmann ja selbst zwischen 1999 und 2002 als Mitspieler in Dortmund erlebt. Welche Erinnerungen haben Sie?
Privat ist er ein umgänglicher und sympathischer Typ. Aber manchmal schießt er übers Ziel hinaus, im Positiven wie im Negativen.
Was meinen Sie konkret?
Auf dem Platz ist Jens ein anderer Mensch als privat. Im Spiel, aber auch beim Training. Wenn man ihm da dumm kommt, kann es schon zu Handgreiflichkeiten kommen. Da kann es schon passieren, dass er dir den Ball in den Rücken knallt.
Da fällt es schwer, sich zu beherrschen?
Dann könntest du ihn würgen. Aber das wird Jens auch über mich sagen. Wir sind uns da ähnlich. Aber wissen Sie was?
Sagen Sie es uns.
Ich bin froh, dass wir solche Typen in der Bundesliga haben. Davon gibt es viel zu wenige. Das bedeutet aber nicht, dass man alles gutheißen muss, was Jens macht.
Auch beim VfB geht er nicht zimperlich mit seinen Mitspielern um. Siehe Khalid Boulahrouz, dem er im Hinspiel in St. Petersburg das Stirnband vom Kopf gerissen hat.
Ach, das finde ich jetzt nicht ganz so schlimm. Er wollte Boulahrouz halt wachrütteln. Ich frage mich aber etwas anderes.
Nämlich?
Braucht man im Fußball überhaupt ein Stirnband?
Es war kalt in St. Petersburg.
Trotzdem – man braucht das nicht.
Lehmann denkt darüber nach, ob er ein Jahr weiterspielen soll. Haben Sie einen Rat?
Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Von der Qualität kann er locker noch mithalten.
Was sein Adrenalinausstoß regelmäßig beweist. Nach dem 3:3 gegen Hoffenheim hat auch Mario Gomez verbal nachgetreten. Die Hoffenheimer, speziell Tobias Weis, gingen ihm „auf die Eier“.
Ach, der Mario. Ich finde, nach dem Spiel muss das alles vergessen sein. Ich denke da auch an meine Spiele gegen den KSC. Meine Güte! Dirk Schuster, Burkhard Reich, Slaven Bilic – was waren das für Duelle. Wir haben uns auf dem Platz bekämpft und beschimpft. Aber hinterher haben wir uns die Hand gegeben.
Diesmal steht der KSC brutal unter Druck.
Karlsruhe muss unbedingt gewinnen, das kann diesem Derby eine besondere Würze geben. Die Mannschaft spielt ja nicht schlecht, aber sie trifft das Tor nicht. Für den KSC kommt das Derby zum falschen Zeitpunkt.
Ein gemähtes Wiesle für den VfB also?
Keine Spur. Für den VfB geht es zwar nicht um die Existenz, aber punkten muss er auch. Druck haben die Roten auch.
Haben Sie denn Bedenken für Sonntag?
Wenn ich das Spiel gegen Hoffenheim nehme – welche Fehler da zu den Toren geführt haben, und zwar auf beiden Seiten.
Dann kommen Ihnen Zweifel?
Der VfB und Hoffenheim sind Topteams der Liga. Ich finde, der deutsche Fußball lügt sich in die eigene Tasche. Er ist nicht so stark, wie man uns glauben machen will. Auch der VfB ist gegen Zenit noch nicht durch.
Werden Sie im Stadion sein?
Weder gegen St. Petersburg noch gegen den KSC. Ich fliege am Donnerstag für vier Tage nach Bulgarien. Krassimir Balakov (Ex-VfB-Kollege, Anm. d. Red.) trainiert Chernomore Burgas, für die beginnt am Sonntag die Rückrunde. Er hat mich eingeladen.
Fragen von Thomas Näher