Presselounge

ZEIT online-Kolumne von Fredi Bobic (12.10.2006) 

Auf dem Weg zur Weltklasse

Fredi Bobic hat nach dem Erfolg der deutschen Elf gegen die Slowaken nichts zu meckern - auch wenn die Leistung noch kein Spitzenniveau erreichte. Sein Spielkommentar

Deutschlands 4:1 Sieg gegen die Slowaken war hochverdient. Dieses Spiel passt in die positive Entwicklung der Nationalmannschaft. Mit dem hohen Tempo in der ersten Halbzeit hat das Team von Jogi Löw den Gegner geradezu überrumpelt. Dennoch hat die gezeigte Leistung noch nichts mit Weltklassefußball zu tun, so wie viele Medien die Partie bejubelten. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Die Tore, Kombinationen und der Spielgestaltung der Nationalmannschaft waren tatsächlich sehenswert. Aber sie gelangen mit freundlicher Unterstützung der Slowaken, die sich nicht als ebenbürtiger Gegner erwiesen. Die Osteuropäer, gegen die Deutschland vor einem Jahr noch mit 0:2 verloren hat, wirkte verschlafen, langsam und zweikampfschwach. Gegen solche Kontrahenten ist es leicht, attraktiv und überlegen zu spielen. Die Tore in der ersten Halbzeit resultierten ausschließlich aus Fehlern und Unzulänglichkeiten der Heimmannschaft. Beim ersten Treffer durch Podolski konnte Klose mühelos die gesamte Abwehr umlaufen. Beim zweiten Tore stand Michael Ballack unbewacht mitten im Strafraum, und beim dritten Erfolg patzte der schwache Torwart. Die gegnerische Defensive half so dem deutschen Sturm.

Es ist erkennbar, dass sich Löws Mannschaft noch in einer Entwicklungsphase befindet. Das ist ganz natürlich und nicht negativ auszulegen. Denn zum einen wird während der Qualifikation zwischen großen Turnieren immer kontinuierlich an taktischen Konzepten und dem spielerischen Zusammenspiel gearbeitet. Zum anderen ist Löw nun seit drei Monaten alleine auf sich gestellt und führt mit eigenem Stil fort, was Jürgen Klinsmann und er vor der WM aufgebaut haben.

Auf dem Platz sieht man, dass sich die Abwehr, trotz guter Leistung, noch nicht komplett gefunden hat. Das ist auch noch nicht möglich, da der Bundestrainer die Formation nach der WM verletzungsbedingt komplett umstellen musste. Mit den Friedrichs in der Innenverteidigung hat Deutschland zwei starke Verteidiger, denen aber noch offensive Qualität fehlt. Per Mertesacker wird nach seiner Genesung in den zentralen Defensivraum zurückkehren. Dann wird sich die Struktur hinten wieder ändern. Der Coach und sein Assistent Hansi Flick müssen weiter an diesem Mannschaftsteil arbeiten.

Um wirklich zur Weltspitze des Fußballs zu gehören, muss die deutsche Elf vor allem gegen  Topteams beweisen, dass man gegen diese bestehen und diese auch souverän schlagen kann. Die Slowaken haben gezeigt, dass sie noch nicht zur europäischen Spitze gehören. Frühestens bei der EM, die Deutschland problemlos erreichen wird, kann die DFB-Auswahl zeigen, ob sie zur belle etage gehört. Die Leistungsdichte bei einer Europameisterschaft ist höher als bei der Weltmeisterschaft. Schon in der ersten Runde, der Gruppenpahse, könnten Gegner wie Italien, England, Holland oder Frankreich warten. Dann erst läßt sich ein Urteil über die tatsächliche Klasse der Löw-Truppe fällen. Bei den meisten Kontrahenten in der Qualifikation läßt sich nur feststellen, dass die DFB-Auswahl zu den dominierenden Mannschaften gehört.

Die Qualifikationsbegegnung gegen die Slowakei gibt Anlass, an die Entwicklung des Teams zu glauben. Die Mannschaft entwickelt sich Schritt für Schritt und es benötigt keine Weltmeisterschaft im eigenen Land, um überzeugend und attraktiv zu spielen. Gerade die Harmonie zwischen den Mittelfeld und dem Sturm ist für den Erfolg generell und den gegen die Slowaken im Besonderen, von großer Bedeutung. Miroslavs Klose als Vorbereiter ist sehr wertvoll. In der Presse wird er zu schlecht benotet - zu Unrecht. Denn seine genauen Pässe zu Lukas Podolski waren der Grundstein für den Sieg. Der Münchener konnte erneut seine Torgefährlichkeit unter Beweis stellen können. Anscheinend ist er immer dann am stärksten, wenn er medial oder Mannschafts-intern unter Druck steht. Schweinsteiger, Ballack und Schneider liefern nicht nur Tore, sondern auch die Vorlagen und bilden die ideale Ergänzung zum Sturm. Die Qualität der Offensive ist die Basis für die Entwicklung der Mannschaft, die das Potential besitzt, um in die Weltspitze vorzurücken.

Gegen Zypern im November absolviert die Nationalmannschaft die letzte Begegnung in diesem erfolgreichen Jahr. Der Gegner sollte kein Stolperstein auf dem Weg zur Europameisterschaft darstellen. Mit einer ansprechenden Leistung und einem Sieg wird dann auch der nächste kleine Schritt in Richtung Weltklasse getan sein - und dem WM-Jahr einen würdigen Abschluss geben.

 

ZEIT online-Kolumne von Fredi Bobic (07.09.2006) 

Zu schwach

Fredi Bobic sieht in dem Torfest von San Marino ein Argument, den Qualifikationsmodus für die Europameisterschaft zu ändern

Nach dem glanzlosen Erfolg gegen Irland hat die Nationalmannschaft mit einem 13:0-Sieg in San Marino die Tabellespitze der Gruppe D übernommen. Mit einem Satz lässt sich so das Wichtigste der Partie festhalten. Dieser Kantersieg war gut für das schon vorhandene Selbstvertrauen; insbesondere für die Stürmer Podolski und Klose, die zusammen sechs Treffer erzielt haben. Ein hoher Sieg war Pflicht, und dieser außergewöhnlich deutliche Erfolg war die Kür. Die Spieler haben nach dem Abpfiff berichtet, dass es ihnen Spaß gemacht habe. Man glaubt es ihnen. Nur der sportliche Wert dieser Qualifikationsrunde ist sehr gering. Der Gegner war schlicht zu schwach.

San Marino war in etwa auf dem Niveau von Luckenwalde, jener Mannschaft, die vor der Weltmeisterschaft gegen die damalige Klinsmann-Truppe in einem Kurzmatch mit 7:1 verlor. Damals, wie auch beim Spiel in Serravalle, konnte der Trainer Akteure auf das Feld schicken, die ansonsten nicht zum Stamm der Mannschaft gehören. Löw konnte Hitzlsperger und Asamoah das Gefühl geben, dass sie ein fester Bestandteil des Teams sind. Diese Form der Einbindung ist für die Spieler wichtig. Somit hat die Partie dann - neben den drei Punkten - einen weiteren Zweck erfüllt.

Diese Begegnung lädt dazu ein, über einen Vorschlag nachzudenken, denn Arsene Wenger, Trainer von Arsenal London, geäußert hat: Man soll die kleinen (Fußball-)Nationen in einem Wettbewerb antreten lassen, um einen Teilnehmer für die Qualifikation zu ermitteln. Dieses Prinzip wird schon in ähnlicher Form in der Champions League angewendet.

Der Vorteil wäre, dass die Gruppen stärker und ausgeglichener besetzt und auch kleiner wären. In Bezug auf die sportliche Relevanz kann man Wengers Vorschlag begrüßen. Der Abend in San Marino unterstreicht diese Begründung. Ein starkes Gegenargument aber ist die Frage der Gleichberechtigung. Eine formelle Zweiklassen-Gesellschaft erscheint gegenüber den Nationen, die eine Extrarunde drehen müssen, respektlos.

Diese Frage wird die Deutschen nicht allzu lange beschäftigen. Der nächste Gegner, die Slowakei, wird der Mannschaft wieder viel abverlangen. Unter Jürgen Klinsmann gab es in Bratislava in einem Testspiel eine 0:2 Niederlage. Es gilt also nun, die offene Rechnung zu begleichen. Mit dem in San Marino getankten Selbstvertrauen sollte das zu schaffen sein.

 

 

ZEIT online-Kolumne von Fredi Bobic (03.09.2006) 

Glücklich verdient

Wichtig sind die drei Punkte. Wie der 1:0-Sieg gegen Irland zustande gekommen ist, wird später keinen mehr interessieren.

"In einer Quali gibt es keinen Schönheitspreis zu gewinnen." Diese Einschätzung der Spieler nach dem 1:0 gegen die Iren kann ich nur teilen. Wichtig sind in diesen Begegnungen die drei gewonnenen Punkte - gerade im ersten Spiel auf dem Weg zur Europameisterschaft 2008.

Der Sieg ist eher zu loben als das Spiel der deutschen Nationalmannschaft, das erst nach 20 Minuten in Schwung kam. Zuvor haben die Iren sehr clever agiert. Dem deutschen Druck sind sie mit einem Gegenpressing begegnet. Der Löw-Truppe muss man zugestehen, dass sie sich dadurch nicht hat beirren lassen. In der Mitte der ersten Halbzeit hat sich die Mannschaft dem Spiel des Gegners gestellt und ihre stärkste Phase gehabt. Schon in diesem Abschnitt hätte die DFB-Elf in Führung gehen müssen.

Der Ehrentreffer durch Podolski war eher ein Konstrukt des Zufalls. Wäre der Ball nicht abgelenkt worden, hätte keine Gefahr für das Tor des überragenden Shay Given bestanden. So hat Deutschland in der zweiten Halbzeit, die nicht so attraktiv wie die erste war, das Spiel entschieden. Das nennt man dann Arbeitssieg.

Das 1:0 war glücklich und verdient. Das hört sich paradox an, aber so ist es. Irland hätte in der letzten Minute, als sie eine Riesenchance hatten, den Ausgleich erzielen können. Da konnte Jogi Löw an der Linie richtig durchatmen, dass der Ball nur knapp über das Tor ging. Gleichfalls hatten Klose, Podolski und Ballack eine große Anzahl exzellenter Tormöglichkeiten, die den Sieg auf jeden Fall rechtfertigen.

Ein weiterer Grund für die gewonnenen drei Punkte war die überraschend stabile Abwehr. Friedrich und Friedrich haben in der Innenverteidigung eine solide Leistung erbracht und wurden durch Defensivspieler auf den Außenbahnen gut unterstützt. Der Konstellation, Lahm auf der rechten Seite spielen zu lassen, gehört die Zukunft. Aber nur dann, wenn Jansen auf links weiter so effektiv spielt wie gegen Irland. Die Abwehr war das Fundament des Siegs.

In einer Qualifikation ist es eh egal, wie Spiele gewonnen werden. Spätestens nach der nächsten Partie interessiert sich keiner mehr für das 'Wie'. Das gilt für Deutschlands Erfolg wie auch für den der Tschechen, die nur knapp mit 2:1 gegen Wales gewonnen haben. Die bleiben für mich, neben der DFB-Elf, der größte Favorit der Gruppe D, auch wenn sie sich im ersten Pflichtspiel nach der WM schwergetan haben.

Am Mittwoch haben wir mit San Marino einen Gegner, gegen den die Stürmer dann im Mittelpunkt stehen werden. Das wird eine deutlich einfachere Aufgabe als dieser Auftaktsieg. Freuen wir uns auf ein Torfestival.

 

 

ZEIT online-Interview mit Fredi Bobic (01.09.2006)

"Löw hat keine Wahl"

ZEIT online-Fußball-Experte Fredi Bobic spricht über seine Erwartungen an die DFB-Elf, und über mögliche Hürden für den neuen Bundestrainer.

Herr Bobic, was wünschen Sie sich von der deutschen Nationalmannschaft, jetzt, knapp zwei Monate nach der WM?
In erster Linie: erfolgreichen Fußball. Dann wünsche ich mir, dass sie ihren attraktiven und offensiven Stil weiter betrieben, den sie während der WM in Perfektion vorgeführt haben. Und dass sie die Qualifikation, die nicht einfach wird, überstehen.

Wieviel Klinsmann steckt in Löw? Und muss Löw überhaupt Klinsmann ähneln, um den gleichen Stil voranzutreiben?
Klinsmann hat die Massen bewegt und polarisiert. Das ist nicht die Stärke von Löw. Aber er hatte großen Anteil an dem Erfolg. Seine Rolle und sein Wirken wurden immer unterschätzt. Löws Vorteil ist, dass es keinen großen Bruch geben wird, denn auch die Mannschaft, die Löw ja kennt, ändert sich nicht so stark. Er muss nur wenige neue Spieler in den Kader integrieren. Damit ändert sich für die Nationalmannschafts eigentlich sehr wenig. Es wird neuen Spielern deshalb leicht fallen, zum Team dazuzustoßen, weil das Grundgerüst steht. Löw kann kontinuierlich weiterarbeiten.

Unter welchen Umständen wird Jogi Löw sich mit großen Problemen auseinandersetzen müssen?
Die Europameisterschafts-Qualifikation ist kein Turnier wie die WM. Es wird viele Auswärtsspiele geben, damit steigt das Risiko, nicht nur Siege einzufahren. Und die Qualifikation dauert 16 Monate. In einem solchen Zeitraum kann die Form der Nationalspieler stark variieren - auch durch Erfolge oder Misserfolge ihrer Vereine bedingt. Läuft es im Team oder im Verein schlecht, gibt es auch Probleme. Wichtig ist, dass die Nationalmannschaft den Spielern Geborgenheit bietet, damit sie ihre Probleme ausklammern können.

Also kommt auf Löw eine größere psychologische Arbeit zu?
Genau. Im Gegensatz zur WM und der Vorbereitung auf das Turnier wird er die Spieler nie über einen langen Zeitraum zur Verfügung haben. In der Regel wird Löw nur drei Tage haben, um die Spieler mental vorzubereiten.

Wie weit muss Löw in seiner Rolle als Bundestrainer auch auf der administrativen Ebene Probleme angehen?
Wichtig ist, dass bestimmte Probleme, wie z.B. die Schuh-Sponsoren-Frage, nicht zu groß thematisiert werden. So etwas kann zwar zu Diskussionen im Mannschaftskreis führen, sollten aber nicht nach außen getragen werden. Das muss so schnell wie möglich hinter geschlossenen Türen geregelt werden.

Wie bewerten Sie die Situation mit Matthias Sammer als Sportdirektor neben Jogi Löw? Löw war wie Klinsmann gegen die Ernennung von Sammer. Kann diese Konstellation zu Schwierigkeiten führen?
Nicht auf dem sportlichen Sektor der A-Nationalmannschaft. Auch das ist eine Situation, die erwachsene Leute unter sich lösen sollten - und zwar umgehend. Sonst entwickelt das Thema über die Medien eine eigene Dynamik lenkt von sportlichen Entwicklungen ab. Solche Nebenkriegsschauplätze kann man in der Nationalmannschaft nicht gebrauchen.

Wie schätzen Sie das Potenzial des neuen Co-Trainer Hansi Flick ein?
Ich denke, dass sich Klinsmann/Löw intern auf gleicher Augenhöhe begegnet sind. Jetzt ist die Konstellation anders: Löw ist der Chef und Hansi Flick wird ihm zuarbeiten. Flicks Status bei der Nationalmannschaft sollte man nicht überbewerten. Die Assistenz ist keine zentrale Rolle im Gefüge der Nationalmannschaft. Es ist nur eine wichtige Position für Joachim Löw. Denn Flick hat bisher als Trainer bislang gute Arbeit geleistet und zeichnet sich durch Loyalität und die gleiche Denkweise wie der Bundestrainer aus. Er wird im Hintergrund bleiben und eher die Position eines Assistenten als die eines Co-Trainers einnehmen. Er ist auch nicht der Typ der viel mit den Medien kommuniziert.

In der Gruppe D scheint Deutschland Favorit zu sein. Gibt es dort so klare Verhältnisse?
Die Gruppe scheint mir sehr ausgeglichen zu sein, und das lässt Überraschungen zu. Mit den Tschechen haben wir sehr starke Gegner dabei. Die haben bisher fast jede Qualifikation problemlos bewältigt. Die Mannschaft ist dem deutschen Team in ihrer Stärke sehr ähnlich. Unklar ist nur, wie die Tschechen ihr frühes WM-Aus und das Ausscheiden vieler älterer Spieler verkraften.
Unser erster Gegner, Irland, ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Die Iren sind der Maßstab für die deutsche Mannschaft in dieser Qualifikation. Ich bin mir dennoch sicher, dass wir die bezwingen werden.
Aber auch die Slowakei spielt guten Fußball. Und Wales ist ebenso nicht zu unterschätzen. Das Team zeichnet sich - ebenso wie die Iren - durch einen großen Kampfgeist aus. All diese Gegner sind schwierig, gerade auswärts.

Welche Mannschaften müssten Deutschland generell eher liegen: die kampfstarken Teams, wie Irland und Wales, oder spielfreudigen Tschechen und Slowaken ?
Deutschland wird es einfacher haben, gegen Mannschaften zu gewinnen, die einen sauberen Fußball spielen. Es ist immer schwieriger, gegen bissige Teams zu glänzen, die sich in ihrer Abwehr einigeln und über die Kraft versuchen, ihr Spiel zu gestalten. Die DFB-Elf darf aber keine Mannschaft unterschätzen. Innerhalb der Qualifikation, die zwei Jahre dauert, wird Deutschland auch schwächere Phasen haben. Deswegen darf man sich nicht aus Überheblichkeit, weil man WM-Dritter geworden ist, Niederlagen erlauben.

Wie viel Respekt muss die deutsche Mannschaft vor Irland haben?
Die Iren haben gegen Holland in einem Freundschaftsspiel auf der grünen Insel mit 0:4 verloren. Das Ergebnis ist eine echte Klatsche - hat allerdings kaum Aussagekraft, weil die wichtigsten Spieler, Shay Given, Damien Duff und Robbie Kean, gefehlt haben. Der gesamte Kader von Trainer Stephen Staunton spielt in der englischen Premier League, einer der stärksten Ligen Europas. Zudem hat Irland in einer starken Qualifikationsgruppe für die WM, mit Frankreich, Schweiz und Israel, nur ganz knapp die Endrundenteilnahme verpasst.
Das alles sind Argumente, die belegen, dass sie recht stark sind. Aber die Partie kommt aus deutscher Sicht zum richtigen Zeitpunkt, weil die WM-Euphorie noch anhält. Zudem ist die Begegnung ein Heimspiel in Stuttgart, das den Spielern und den Fans noch als Austragungsort des "kleinen Finales" in bester Erinnerung geblieben ist. Diese Faktoren sollte Löw nutzen, um mit einem Sieg in die kommenden Qualifikationspartien zu gehen.

Wird die Innenverteidigung unser Sorgenkind?
Löw hat einfach nicht mehr viele Möglichkeiten. Das bei der WM eingespielte Duo Mertesacker/Metzelder fällt aus. Mit Arne Friedrich in der Innenverteidigung, der meines Erachtens dort stärker als auf der rechten Seite ist, haben wir immerhin einen, der auch Weltmeisterschaftseinsätze hatte. Manuel Friedrich hingegen muss noch zeigen, wie er sich auf dem internationalen Parkett bewegt. Er hat weder internationale Erfahrung mit Mainz sammeln können, noch hat er im Nationaltrikot schwierige Partien gespielt. Es ist eine etwas riskante Aufstellung, aber Löw hat keine Wahl. Dann muss eben das Mittelfeld nach hinten mitwirken. Mit Madlung steht auch lediglich nur ein Spieler als Ersatz zur Verfügung. Und dieser hat zwar großes Potential, aber auch noch kein Länderspiel gemacht.

Die Fragen stellte Ulrich Dehne

 

ZEIT online-Interview mit Fredi Bobic (03.06.2006) 

"Da sind wir Weltklasse"

Fredi Bobic kommentiert das Länderspiel der deutschen Nationalelf gegen Kolumbien - im exklusiven Interview mit ZEIT online

ZEIT online: Herr Bobic, haben Sie nach dem 3:0-Sieg über Kolumbien neue Erkenntnisse das Leistungsvermögen der deutschen Mannschaft betreffend?

Bobic: Nicht wirklich.

ZEIT online: Keine Fortschritte im Vergleich zum Japan-Spiel?

Fredi Bobic: Natürlich, das sah doch alles wirklich schön aus. Wir haben die Kolumbianer wirklich niedergespielt. Allerdings wurde es der deutschen Mannschaft sehr viel leichter gemacht als gegen Japan.

ZEIT online: Warum so verhalten? Nach dem Japan-Spiel hätten manche viel dafür gegeben, wenn sie gewusst hätten, dass Deutschland dieses Spiel gewinnt.

Bobic: Zu Recht. Hier genau liegt die wichtigste Erkenntnis dieses Spiels: wäre es schief gegangen, hätte dies zu verheerenden Folgen führen können: eine Woche lang, Bis zum Eröffnungsmatch gegen Costa Rica hätten die Spieler gegrübelt, die Medien genörgelt und die Fans Trübsal geblasen. Das ist jetzt anders. Und das ist – wie ich aus eigener Erfahrung weiß – sehr wichtig.

ZEIT online: Ist Michael Ballack nicht der große Gewinner dieses Spiels? Alles, was er gefordert hat, wurde von Klinsmann umgesetzt: Er hat wieder im zentralen Mittelfeld gespielt, die Mannschaft hat die Defensive gefestigt und die Startaufstellung wird wohl auch gegen Costa Rica beginnen.

Bobic: Was Ballack gesagt hat, galt vor allem den Mannschaftskollegen. Er wollte sie sensibilisieren für die Wichtigkeit der Aufgabe und für die Tatsache, dass noch die meisten Spiele in der Abwehr gewonnen wurden. Dazu muss man manchmal an die Öffentlichkeit, jedenfalls, wenn man so unumstritten ist, wie Michael Ballack.

ZEIT online: Dennoch musste es Klinsmann wohl als Zurechtweisung empfinden.

Bobic: Das glaube ich nicht. Vielmehr könnte ich mir vorstellen, dass das zwischen den beiden abgesprochen war. So hätte Klinsmann nicht reden können, ohne unglaubwürdig zu sein. Da hat es Ballack für ihn getan.

ZEIT online: Zurück zum Spiel: Vier der letzten fünf Tore der Nationalmannschaft fielen nach sogenannten Standards.

Bobic: Da sind wir jetzt Weltklasse.

ZEIT online: Sie scherzen?

Bobic: Im Ernst – natürlich gelingen diese Dinge gegen stärkere Gegner viel seltener. Aber man weiß jetzt, dass es geht. Und die Gegner wissen es auch. Das führt bei den Deutschen zu Selbstbewusstsein und bei den Gegnern zu Nervosität. Kann man gut gebrauchen bei einer WM.

ZEIT online: Wird Klinsmann Ballack jemals wieder auf der rechten Mittelfeldposition einsetzen, wie gegen Japan?

Bobic: Glaube ich nicht. Er gehört in die Mitte, wie gegen Kolumbien gesehen. Da ist er schwerer auszurechnen – und kann ja immer, wenn es Gelegenheit gibt, auf die Flügel ausweichen.

ZEIT online: Ein Wort noch zur Deutschen Innenverteidigung?

Bobic: Nun, da steht die Probe aufs Exempel wohl noch aus. Metzelder und Mertesacker haben das heute souverän gemacht. Meistens zumindest. Für meinen Geschmack war sie oft noch zu risikofreudig, besonders wenn sie auf Abseits gespielt haben.

Die Fragen stellte Moritz Müller-Wirth

 


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