Presselounge
 ZEIT online-Kolumne von Fredi Bobic (26.11.2007) Streikende Jogi-JungsZum Ende war die Euphorie verflogen: In Frankfurt leistete sich die deutsche Nationalmannschaft einen wirklich miesen Jahresabschluss. Eine Analyse und Bilanz Irgendwie fühlte ich mich als Betrachter des gestrigen und damit letzten Länderspiels des Jahres an den Bahnstreik erinnert. So nach dem Motto: Weil DFB-Boss Theo Zwanziger und der Betriebsrats-Vorsitzende Michael Ballack noch keine Einigung über die Euro-Prämien erzielt haben, agierten die deutschen Spieler beim 0:0 gegen das biedere Wales ähnlich wie die Lokführer im dienstlichen Ruhestand. So wurde ein wahrlich schlechter Jahresabschluss mit Pfiffen des Frankfurter Publikums garniert. Schluss mit Feierstimmung! Dabei ist die Rechnung doch vollends aufgegangen. Laut Koeffizient muss Deutschland nun nicht in den Lostopf mit den Gastgebern Schweiz und Österreich sowie Titelverteidiger Griechenland, sondern schickt stattdessen die Niederländer in diese Rubrik und durchkreuzt damit deren taktische Spielerei, die sie mit ihrem 1:2 in Weißrussland vollführt hatten. Nicht zuletzt, weil das Spiel gegen Wales so gar nichts Wertvolles hergab, möchte ich es hier nicht überbewerten, sondern mich mit einer Jahresbilanz versuchen. Was war gut, was schlecht, wer ist Gewinner, wer Verlierer? Gewinner Nr. 1: Bundesstrainer Joachim Löw Mit stoischer oder schwäbischer Gelassenheit hat er seine Truppe eingeschworen und weiterentwickelt. Man erkennt seine Handschrift. Die Qualifikation war nie in Gefahr und das trotz der enorm langen Verletztenliste. Mit "högschder" Konzentration haben er und sein Trainerstab die WM-Euphorie in der Truppe ganz hoch gehalten, die Qualität gesteigert und den Kreis potentieller Euro-Kandidaten deutlich vergrößert. Gewinner Nr. 2: die medizinische Abteilung Die Männer um Doc Müller-Wohlfahrt waren über das gesamte Jahr nie auf Arbeitssuche. Und die Sicherung des Arbeitsplatzes ist doch auch ein Gewinn, oder? Gewinner Nr. 3: die Bundesliga In der Liga und ihren Nachwuchszentren wird die Saat gelegt, die der DFB in seinen Auswahlmannschaften dann ernten kann. Da bin ich im Disput zwischen Rudi Völler und Ulli Hoeneß einerseits sowie Oliver Bierhoff andererseits ganz auf einer Welle mit den Vereinsmanagern. Gewinner Nr. 4: Oliver Pocher "Schwarz und Weiß" heißt sein nicht unbedingt vor Musikalität strotzender Gassenhauer und wird - mit Ausnahme gestern in Frankfurt - noch immer hoch und runter gedudelt. Die Fans schwelgen mit diesem Hit noch immer in ihrer WM-Euphorie. Gewinner Nr. 5: die linke Seite der Nationalmannschaft Traditionell war das die Schwachstelle der Nationalmannschaft, wurde meist nur mit einem Notbehelf besetzt. Nun haben wir mit Rechtsfuß Philipp Lahm sowie den Power-Guys Marcel Janssen und Christian Pander die freie Wahl, während sich die rechte Seite nun wohl sogar aus dem "linken Pool" bedienen muss, um diese neue deutsche Schwachstelle zu beheben. Verlierer auszumachen ist schwierig, was die Homogenität der Truppe unterstreicht. Gerald Asamoah ist sicher einer aus dem WM-Kader, der heute noch irgendwie dabei ist, ohne aber wirklich mittendrin zu sein. Ähnliches gilt für David Odonkor. Andere Akteure werden erst 2008 beweisen können und müssen, ob sie Gewinner oder Verlierer sind. Das gilt für die Rekonvaleszenten Ballack, Frings und Schneider, die in echten Härtetests immer noch unverzichtbar sind, ebenso Torwart Jens Lehmann, der dringend seine unbefriedigende Situation bei seinem Klub Arsenal London klären muss. Auch die Spaß-Fraktion mit Schweinsteiger und Podolski muss einen deutlichen Schritt nach vorne machen, so wie es Mario Gomez in den letzten Monaten gelungen ist. Damit hat er sich zur ersten Alternative im Angriff hinter dem Spitzen-Duett von Miroslav Klose und Kevin Kuranyi entwickelt. Das Länderspieljahr ist mit Pfiffen der Fans zu Ende gegangen. Jogi Löw wird auch diesen emotionalen Ausbruch richtig deuten. Es war die Enttäuschung über ein Spiel. Die Unterstützung im Euro-Jahr 2008 ist ihm und seiner Mannschaft jedoch gewiss. Damit wir Ende 2008 nur Gewinner haben.
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 ZEIT online-Kolumne von Fredi Bobic (19.11.2007) An der Ehre gepacktMit dem 4:0 im Länderspiel gegen Zypern hat die Elf von Bundestrainer Jogi Löw weder geglänzt noch enttäuscht. Wichtig ist: Die Einstellung im Team stimmt. Eine Spielanalyse Ein Schützenfest hatten wir uns gegen Zypern erhofft, aber mit dem 4:0 sind wir nun auch zufrieden. In dieser, zum Sichtungsspiel minimierten Qualifikations-Begegnung war die Einstellung der Truppe das Wichtigste, und sie stimmte. Die Fans in Hannover konnten ein Freudenfest feiern. Dennoch war es ein Pflichtsieg, nicht mehr. Ein Spiel, das gute wie schlechte Erkenntnisse brachte. Die beste, ganz klar: Die Mannschaft hat über 90 Minuten eine gute Einstellung gezeigt und sich für das 0:3 gegen Tschechien in München rehabilitiert. Da hat man in vergleichbaren Situationen schon ganz andere Auftritte deutscher Nationalmannschaften erlebt. Nein, es ist Bundestrainer Joachim Löw gelungen, den Charakter zu kitzeln, die Jungs an ihrer Ehre zu packen und jedem Spieler klar zu machen, dass es doch um viel ging - um die Qualifikation jedes Einzelnen nämlich, der in den 23er Kader für die EM berufen werden möchte. Besonders gut angekommen sind des Trainers Worte offenbar bei Lukas Podolski. Ich weiß nicht, ob er aufgrund des Drucks, den er auch beim FC Bayern verspürt, endlich einmal wieder sein Herz in beide Hände nahm oder ob er lernwillig war. Jedenfalls hat er ein tolles Spiel geboten, nicht nur wegen seines Treffers und der Steilvorlagen, sondern weil er sich gut bewegte, nachsetzte und teilweise auch noch hinten mitarbeitete. So hat er gegen die nicht zu unterschätzende Konkurrenz im Kampf um die vielleicht fünf Sturmplätze im Euro-Kader seinen Stellenwert aufgepeppt. Auch wenn Podolski die heute erkennbare, gute Einstellung etwas regelmäßiger abrufen sollte. Um die Offensivabteilung muss uns jedenfalls nicht so arg bange sein. Mit dem auch gegen Zypern sehr engagierten Miro Klose, dem noch fehlenden Kevin Kuranyi, dem dieses Mal glücklosen Mario Gomez, mit den beiden nominierten Mike Hanke und Oliver Neuville, aber auch mit meinem persönlichen Geheimtipp Stefan Kießling und nicht zuletzt eben mit Poldi, bieten sich beste Variationsmöglichkeiten. Das Mittelfeld von Hannover kann in der Bewertung nachrangig behandelt werden, da mit Ballack, Frings, Schneider und Schweinsteiger das vermeintliche Top-Quartett fehlte. Bliebe die Defensive. Hier mache ich mir um die rechte Seite so meine Gedanken. Arne Friedrich kommt einfach nicht mehr in die Verfassung, die ihn ehemals zum unumstrittenen Akteur für die Nationalmannschaft machte. Zudem zeigte auch Christoph Metzelder gegen Zypern deutliche Schwächen, Jens Lehmann musste nicht nur einmal beweisen, dass er auch ohne Spielpraxis ein Garant für Erfolge darstellt. Ich habe mich im Übrigen gefreut, dass Joachim Löw zu Jens gehalten hat. Er hätte es sich in Hannover leicht machen können, wenn er auf Robert Enke als Heimspieler gesetzt hätte. Gerade in dieser Situation aber Jens Lehmann aufzustellen, war ein wichtiges Zeichen. Löw lässt seine Hackordnung der Torhüter durch die Ausbootung des Routiniers Lehmann bei Arsenal London nicht durcheinander bringen. Zumindest noch nicht. Sind wir also zufrieden mit diesem 4:0 und beachten dennoch, dass es sich mit Zypern Gott sei Dank nicht um einen ernstzunehmenden Gegner handelte. So konnte die Euphorie im Land und unter den Fans wieder geschürt werden. Trainer und Mannschaft werden das Spiel aber etwas realistischer und nüchterner analysieren und erkennen, dass zu Lobeshymnen noch kein Anlass besteht.
bundesliga.de-Interview mit Fredi Bobic (23.10.2007)
"Die Qualitäten sind unbestritten!"Fredi Bobic hat den Glauben an seinen VfB noch nicht verloren. Aber "Leidenschaft und harte Arbeit" seien nötig, erklärt er im bundesliga.de-Interview. Fredi Bobic hatte seine Karriere 1992 bei den Stuttgarter Kickers begonnen. Zwei Jahre später wechselte er zum VfB und erzielte in seiner ersten Saison umgehend 12 Bundesliga-Tore für die Schwaben. Insgesamt traf Bobic in 285 Bundesliga-Spielen 108 Mal für den VfB Stuttgart, Borussia Dortmund, Hannover 96 und Hertha BSC Berlin. Mittlerweile steht Bobic als Experte bei Premiere vor der Kamera. bundesliga.de: Herr Bobic, wie beurteilen Sie die sportliche Talfahrt ihres ehemaligen Clubs VfB Stuttgart? Fredi Bobic: Der VfB muss nach unten schauen und erst einmal wieder Punkte sammeln. Es hört sich blöd an, aber es ist nun mal so: Siege müssen her. Siege müssen dem Team nun erst wieder Selbstvertrauen bringen. bundesliga.de: Mit dem Siegen tut sich der VfB aber sichtbar schwer. Bobic: Das geht nur über mehr Leidenschaft, hartes Arbeiten, weniger Schönspielen, sondern indem die Siege erzwungen werden. Das ist in letzterZeit abgegangen. Das Paradebeispiel dafür war nun Hamburg, wo man sich regelrecht hat abschlachten lassen. bundesliga.de: Lyon ist in der Champions League aber nicht gerade ein Aufbaugegner. Im Gegensatz zum VfB hat OL seine Generalprobe beim 3:1 über den AS Monaco positiv gestaltet. Bobic: In der Champions League steht der VfB noch mehr auf verlorenem Posten. Aber genau dadurch haben sie die Möglichkeit den Bock umzustoßen, weil gegen Lyon niemand mit ihnen rechnet. Es ist ihre letzte Chance, diesen zweiten Platz, der faktisch noch möglich ist, zu holen, oder wenigstens den dritten Platz, um im Uefa-Cup zu überwintern. bundesliga.de: Trauen Sie dem VfB einen Heimsieg gegen Lyon zu? Bobic: Die Qualitäten dazu sind da und unbestritten. bundesliga.de: Aber? Bobic: Aber alle Dinge, die in der vergangenen Saison gut gelaufen sind, das nötige Glück, Spieler in Top-Verfassung, laufen in dieser Saison eben genau in die andere Richtung. Das ist unheimlich schwer für den Kopf. Denn wenn man so ein erfolgreiches Jahr hinter sich hat, denkt man eventuell, dass alles so weiter läuft. Aber im Moment kommen auch mit den Ausfällen einfach zu viele negative Dinge zusammen, die der VfB nicht auffangen kann. Sie können nie zwei, drei Spiele in Ruhe in der gleichen Besetzung beginnen. Die junge Mannschaft befindet sich in der Entwicklung und die Neuzugänge haben zwar ihre Qualität, konnten diese aber bislang noch nicht beweisen. Das Gespräch führte Michael Wollny
 ZEIT online-Kolumne von Fredi Bobic (19.0.2007) Eine stürmische GenerationWer ist der beste Stürmer im Land? Ex-Nationalspieler Fredi Bobic nennt vor dem Länderspiel gegen Tschechien seine Favoriten. Kritik übt er dabei an Lukas Podolski. Fußball ist relativ einfach. Taktik hin, Spielzüge her – letztlich wird sich ein Trainer immer an den Gegebenheiten, am sogenannten "Spielermaterial" auszurichten haben. Mit anderen Worten: Ohne flinke Stürmer kann man kein Flügelspiel exerzieren, ohne stämmige Verteidiger keinen Sicherheitsfußball. Wenn nun die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Vergleich zu früher einen rundweg ansehnlichen, und beschwingten Offensivfußball spielt, liegt das nur zum Teil an der offensiven Denkweise des Bundestrainers Joachim Löw. Man könnte auch sagen: Er wird zu dieser taktischen Ausrichtung auch aufgrund des vorhandenen "Spielermaterials" gezwungen. Ich kenne Joachim Löw ja noch aus Stuttgart. Unter seiner Ägide wurde unser junges Team damals auch gefeiert, weil es spektakulären Offensivfußball spielte, Das lag sicherlich am Trainer Löw. Aber ohne Krassimir Balakov, Giovane Elber oder mir wäre das "magisches Dreieck", wie man uns damals nannte, nicht möglich gewesen. Wie damals, als Verteidiger Verlaat ein verkappter Stürmer war, beginnt auch in der heutigen Nationalmannschaft der Offensivgeist nicht erst im Strafraum. Er fängt ganz hinten an, schon bei Torwart Jens Lehmann, der als erster Bundesligatorhüter selbst ein Tor erzielt hat, und der mit seinen Abwürfen das Spiel schnell macht. Auch in der Viererkette oder im Mittelfeld gibt es zahlreiche Spieler, die verkappte Stürmer sind: Per Mertesacker, Marcel Jansen oder Thorsten Frings zum Beispiel. Vor allem aber steht der Nationalmannschaft ein Arsenal hervorragender Stürmer zur Verfügung, vielleicht sogar der beste deutsche Sturm aller Zeiten. Meine Nachfolger möchte ich für ZEIT online in einer persönlichen Hitliste einstufen. 1. Kevin Kuranyi Für mich zurzeit Deutschlands Stürmer Nummer eins. Seit dem Verzicht von Jürgen Klinsmann auf seinen schwäbischen Landsmann bei der WM 2006 hat Kevin eine tolle Entwicklung durchgemacht. Er hat aus der Ausbootung, die ihn sehr verletzt hat, die richtigen Schlüsse gezogen, sich nicht zurückgezogen, sondern nach dem Motto "Jetzt erst recht" die Ärmel hochgekrempelt. Sichtlich gereift, ist er aus der deutschen Eliteelf momentan nicht wegzudenken. Er ist kopfballstark und zweikampfstark im Defensivverhalten, beweist zudem auch bei seinen Ausflügen ins Mittelfeld erstaunlich taktisches Geschick. 2. Miroslav Klose Sein Wechsel zum FC Bayern hat ihn gestärkt, da er nun die volle bayrische Unterstützung erfährt, diese fast schon arrogante "mia san mia"-Mentalität, die starke Spieler noch stärker macht. Ob sie auf Dauer zu dem ja eigentlich eher schüchternen Pfälzer Klose passt, muss sich erst noch zeigen. Was ich mir von Miro sehr wünschen würde: dass er auch einmal gegen die richtig großen Mannschaften, auf Vereins- wie Nationalmannschaftsebene, den Ruf bestätigt, den er genießt. 3. Mario Gomez Den kleinen Durchhänger, den er gerade durchmacht, darf Deutschlands Spieler des Jahres 2006 nicht überbewerten. Da müssen alle jungen Spieler durch, die so kometenhaft ins Rampenlicht gestoßen sind wie er. Er muss sich den Rückschlägen stellen, sie überwinden - das ist jetzt entscheidend! Zurzeit ist er für mich unser Stürmer Nummer drei, da er auch bereit ist, nach hinten zu arbeiten. 4. Lukas Podolski Womit das Manko von dem mit reichlich Talent gesegneten Podolski angesprochen wäre. Er bleibt zu oft stehen, spekuliert zu viel und hat vor allem das Problem mangelnder Spielpraxis. Dafür kann nicht die Nationalmannschaft herhalten, weshalb ich seinen Wechsel zum FC Bayern als großen Fehler einschätze. Nun, da er diesen Schritt gegangen ist, muss er beißen und sich anbieten, wann immer es geht. Und sei es über Kurzeinsätze. Denn die Konkurrenz, die ihn aus dem EM-Kader vertreiben könnte, schläft nicht. 5. Stefan Kießling Dieser in Körperstatur und Spielstil Jürgen Klinsmann so ähnelnde Blondschopf blüht in seiner zweiten Saison in Leverkusen richtig auf. Er besitzt sehr große Qualitäten und auch einen hervorragenden Abschluss. Sicher ist er für die Position des Keilstürmers nicht die Idealbesetzung, eher für die Sturmposition 2. Genau dies macht ihn für "Poldi" umso gefährlicher. 6. Gerald Asamoah Nicht zu vergessen: die Schalker Stimmungskanone. Sicher ist der Abstand zu dem Führungsquintett derzeit groß. Aber bis zur Nominierungsfrist vergehen noch sieben Monate, und es bleiben noch Möglichkeiten, die Hackordnung ordentlich durcheinanderzuwirbeln. Ist man erst einmal im Kader, ist ohnehin vieles möglich: Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Denn 1996, als wir am Ende Europameister wurden, war im Finale der heutige Manager der Nationalelf, Oliver Bierhoff, als Golden-Goal-Schütze der große Held. Zu Turnierbeginn stand er in der Hackordnung aber noch hinter Jürgen Klinsmann, Stefan Kuntz und mir auf Platz vier. Er profitierte dann von unseren Verletzungen – und dem Gespür von dem damaligen Trainer Berti Vogts. Ein ähnlich gutes Gespür wünsche ich nun auch Jogi Löw!
 ZEIT online-Kolumne von Fredi Bobic (08.09.2007) Ein echter HärtetestAm Sonnabend trifft die DFB-Elf in der EM-Qualifikation auf die knochenharten Waliser. Trotz vieler Ausfälle bleibt Deutschland Favorit. Ein Vorbericht Das Millennium Stadium in Cardiff ist eigentlich Heimstätte der walisischen Rugby-Nationalmannschaft. Dort trifft am Samstag die deutsche Nationalmannschaft auf ihren nächsten Gegner in der EM-Qualifikation. Passend zum Ort des Geschehens könnte es durchaus sein, dass sich manch ein Vertreter der DFB-Elf im falschen Film, sprich in der falschen Sportart wähnen könnte. Denn sicher scheint, dass es in der Partie ordentlich zur Sache gehen wird. Die Waliser, die sich noch nie für eine EM-Endrunde qualifiziert und auch dieses Mal kaum Teilnahme-Chancen haben, werden ihr Glück im Kampf suchen. Das könnte die einzige Möglichkeit sein, um den körperlich überlegenen Deutschen den Schneid abzukaufen. Hier, im kleinsten Landesteil Großbritanniens, wird noch der traditionelle Insel-Fußball gespielt. Damit ist das berühmte kick and rush gemeint, also die Taktik, Bälle per Flanke weit nach vorne zu spielen. In England ist diese Spielart längst durch die Einflüsse ausländischer Trainer wie Mourinho, Wenger oder Erikson verdrängt worden. Doch die Waliser werden mit diesem Mittel, gepaart mit hartem körperlichen Einsatz, versuchen, dem deutschen Spiel zu trotzen. Die Spieler des walisischen Trainers John Toshack werden nur müde lächeln, wenn sie die aktuelle Diskussion der Bundesliga um „Artenschutz“ der Techniker verfolgen. Sie sind hart im Nehmen und gut im Austeilen. Doch bevor man sie des unfairen Spiels beschuldigt, sei zur Ehrenrettung der Waliser gesagt, dass sie die versteckten, hinterhältigen Fouls, die häufig in der Bundesliga begangen werden, verpönen. Bei aller Kampfeslust wird Wales nicht viel ausrichten können. Ich glaube nicht an eine Überraschung, auch wenn Bundestrainer Jogi Löw auf viel Erfahrung und spielerische Klasse verzichten muss, da mit Michael Ballack, Thorsten Frings und Bernd Schneider das gesamte WM-Mittelfeld ausfällt. Gravierend erscheint mir der Verzicht auf den Bremer Frings, der mit seiner positiven Ausstrahlung und Willensstärke das Team mitreißt und Führungsaufgaben übernimmt. Da als potenzieller Vertreter auch Philip Lahm wegen einer Verletzung ausfällt, droht auch diese Position zur Schwachstelle im deutschen Spiel zu werden. Und Ballack? Natürlich fehlt er dem deutschen Team. Doch ist es gut, dass er für mehrere Spiele ersetzt werden muss. Seine Abwesenheit fördert, so paradox, wie es klingt, die Entwicklung der jungen Spieler. Ballack, in dessen Heimatverein Chelsea gerade eine absonderliche Diskussion geführt wird, ist das Leittier der Mannschaft, hinter dem sich die anderen verstecken. Er polarisiert so stark, dass er jeglichen Gegenwind auf sich zieht. Nun stehen andere wie Schweinsteiger, Mertesacker oder Metzelder in der Verantwortung und können daraus lernen. In der Qualifikation können wir noch auf Ballack verzichten. Aber bei der Euro 2008 muss er dabei sein, wenn wir unserer Favoritenrolle gerecht werden wollen, die sich das Team durch gute Leistungen der vergangenen Monate erarbeitet und erspielt hat. Doch bevor wir an die EM denken, muss Wales erst mal geschlagen werden.
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