ZEIT online-Interview mit Fredi Bobic (01.09.2006)

"Löw hat keine Wahl"

ZEIT online-Fußball-Experte Fredi Bobic spricht über seine Erwartungen an die DFB-Elf, und über mögliche Hürden für den neuen Bundestrainer.

Herr Bobic, was wünschen Sie sich von der deutschen Nationalmannschaft, jetzt, knapp zwei Monate nach der WM?
In erster Linie: erfolgreichen Fußball. Dann wünsche ich mir, dass sie ihren attraktiven und offensiven Stil weiter betrieben, den sie während der WM in Perfektion vorgeführt haben. Und dass sie die Qualifikation, die nicht einfach wird, überstehen.

Wieviel Klinsmann steckt in Löw? Und muss Löw überhaupt Klinsmann ähneln, um den gleichen Stil voranzutreiben?
Klinsmann hat die Massen bewegt und polarisiert. Das ist nicht die Stärke von Löw. Aber er hatte großen Anteil an dem Erfolg. Seine Rolle und sein Wirken wurden immer unterschätzt. Löws Vorteil ist, dass es keinen großen Bruch geben wird, denn auch die Mannschaft, die Löw ja kennt, ändert sich nicht so stark. Er muss nur wenige neue Spieler in den Kader integrieren. Damit ändert sich für die Nationalmannschafts eigentlich sehr wenig. Es wird neuen Spielern deshalb leicht fallen, zum Team dazuzustoßen, weil das Grundgerüst steht. Löw kann kontinuierlich weiterarbeiten.

Unter welchen Umständen wird Jogi Löw sich mit großen Problemen auseinandersetzen müssen?
Die Europameisterschafts-Qualifikation ist kein Turnier wie die WM. Es wird viele Auswärtsspiele geben, damit steigt das Risiko, nicht nur Siege einzufahren. Und die Qualifikation dauert 16 Monate. In einem solchen Zeitraum kann die Form der Nationalspieler stark variieren - auch durch Erfolge oder Misserfolge ihrer Vereine bedingt. Läuft es im Team oder im Verein schlecht, gibt es auch Probleme. Wichtig ist, dass die Nationalmannschaft den Spielern Geborgenheit bietet, damit sie ihre Probleme ausklammern können.

Also kommt auf Löw eine größere psychologische Arbeit zu?
Genau. Im Gegensatz zur WM und der Vorbereitung auf das Turnier wird er die Spieler nie über einen langen Zeitraum zur Verfügung haben. In der Regel wird Löw nur drei Tage haben, um die Spieler mental vorzubereiten.

Wie weit muss Löw in seiner Rolle als Bundestrainer auch auf der administrativen Ebene Probleme angehen?
Wichtig ist, dass bestimmte Probleme, wie z.B. die Schuh-Sponsoren-Frage, nicht zu groß thematisiert werden. So etwas kann zwar zu Diskussionen im Mannschaftskreis führen, sollten aber nicht nach außen getragen werden. Das muss so schnell wie möglich hinter geschlossenen Türen geregelt werden.

Wie bewerten Sie die Situation mit Matthias Sammer als Sportdirektor neben Jogi Löw? Löw war wie Klinsmann gegen die Ernennung von Sammer. Kann diese Konstellation zu Schwierigkeiten führen?
Nicht auf dem sportlichen Sektor der A-Nationalmannschaft. Auch das ist eine Situation, die erwachsene Leute unter sich lösen sollten - und zwar umgehend. Sonst entwickelt das Thema über die Medien eine eigene Dynamik lenkt von sportlichen Entwicklungen ab. Solche Nebenkriegsschauplätze kann man in der Nationalmannschaft nicht gebrauchen.

Wie schätzen Sie das Potenzial des neuen Co-Trainer Hansi Flick ein?
Ich denke, dass sich Klinsmann/Löw intern auf gleicher Augenhöhe begegnet sind. Jetzt ist die Konstellation anders: Löw ist der Chef und Hansi Flick wird ihm zuarbeiten. Flicks Status bei der Nationalmannschaft sollte man nicht überbewerten. Die Assistenz ist keine zentrale Rolle im Gefüge der Nationalmannschaft. Es ist nur eine wichtige Position für Joachim Löw. Denn Flick hat bisher als Trainer bislang gute Arbeit geleistet und zeichnet sich durch Loyalität und die gleiche Denkweise wie der Bundestrainer aus. Er wird im Hintergrund bleiben und eher die Position eines Assistenten als die eines Co-Trainers einnehmen. Er ist auch nicht der Typ der viel mit den Medien kommuniziert.

In der Gruppe D scheint Deutschland Favorit zu sein. Gibt es dort so klare Verhältnisse?
Die Gruppe scheint mir sehr ausgeglichen zu sein, und das lässt Überraschungen zu. Mit den Tschechen haben wir sehr starke Gegner dabei. Die haben bisher fast jede Qualifikation problemlos bewältigt. Die Mannschaft ist dem deutschen Team in ihrer Stärke sehr ähnlich. Unklar ist nur, wie die Tschechen ihr frühes WM-Aus und das Ausscheiden vieler älterer Spieler verkraften.
Unser erster Gegner, Irland, ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Die Iren sind der Maßstab für die deutsche Mannschaft in dieser Qualifikation. Ich bin mir dennoch sicher, dass wir die bezwingen werden.
Aber auch die Slowakei spielt guten Fußball. Und Wales ist ebenso nicht zu unterschätzen. Das Team zeichnet sich - ebenso wie die Iren - durch einen großen Kampfgeist aus. All diese Gegner sind schwierig, gerade auswärts.

Welche Mannschaften müssten Deutschland generell eher liegen: die kampfstarken Teams, wie Irland und Wales, oder spielfreudigen Tschechen und Slowaken ?
Deutschland wird es einfacher haben, gegen Mannschaften zu gewinnen, die einen sauberen Fußball spielen. Es ist immer schwieriger, gegen bissige Teams zu glänzen, die sich in ihrer Abwehr einigeln und über die Kraft versuchen, ihr Spiel zu gestalten. Die DFB-Elf darf aber keine Mannschaft unterschätzen. Innerhalb der Qualifikation, die zwei Jahre dauert, wird Deutschland auch schwächere Phasen haben. Deswegen darf man sich nicht aus Überheblichkeit, weil man WM-Dritter geworden ist, Niederlagen erlauben.

Wie viel Respekt muss die deutsche Mannschaft vor Irland haben?
Die Iren haben gegen Holland in einem Freundschaftsspiel auf der grünen Insel mit 0:4 verloren. Das Ergebnis ist eine echte Klatsche - hat allerdings kaum Aussagekraft, weil die wichtigsten Spieler, Shay Given, Damien Duff und Robbie Kean, gefehlt haben. Der gesamte Kader von Trainer Stephen Staunton spielt in der englischen Premier League, einer der stärksten Ligen Europas. Zudem hat Irland in einer starken Qualifikationsgruppe für die WM, mit Frankreich, Schweiz und Israel, nur ganz knapp die Endrundenteilnahme verpasst.
Das alles sind Argumente, die belegen, dass sie recht stark sind. Aber die Partie kommt aus deutscher Sicht zum richtigen Zeitpunkt, weil die WM-Euphorie noch anhält. Zudem ist die Begegnung ein Heimspiel in Stuttgart, das den Spielern und den Fans noch als Austragungsort des "kleinen Finales" in bester Erinnerung geblieben ist. Diese Faktoren sollte Löw nutzen, um mit einem Sieg in die kommenden Qualifikationspartien zu gehen.

Wird die Innenverteidigung unser Sorgenkind?
Löw hat einfach nicht mehr viele Möglichkeiten. Das bei der WM eingespielte Duo Mertesacker/Metzelder fällt aus. Mit Arne Friedrich in der Innenverteidigung, der meines Erachtens dort stärker als auf der rechten Seite ist, haben wir immerhin einen, der auch Weltmeisterschaftseinsätze hatte. Manuel Friedrich hingegen muss noch zeigen, wie er sich auf dem internationalen Parkett bewegt. Er hat weder internationale Erfahrung mit Mainz sammeln können, noch hat er im Nationaltrikot schwierige Partien gespielt. Es ist eine etwas riskante Aufstellung, aber Löw hat keine Wahl. Dann muss eben das Mittelfeld nach hinten mitwirken. Mit Madlung steht auch lediglich nur ein Spieler als Ersatz zur Verfügung. Und dieser hat zwar großes Potential, aber auch noch kein Länderspiel gemacht.

Die Fragen stellte Ulrich Dehne

 
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