ZEIT online-Interview mit Fredi Bobic (02.02.2007)
"Fußball ist nicht erklärbar"
Fredi Bobic erklärt im Interview, warum der HSV und Bayern München sich einen schlechten Zeitpunkt für einen Trainerwechsel ausgesucht haben, und warum neue Coachs dem Verein stets gut tun
Herr Bobic, am 19. Spieltag wurden mit Felix Magath und Thomas Doll zwei Trainer entlassen. Auch Jupp Heynckes verlässt seinen Verein. Ist der Zeitpunkt für einen neuen Übungsleiter günstig?
Nein, Trainerentlassungen zwei oder drei Spieltage nach Beginn der Rückrunde sind ein sehr unglücklicher Zeitpunkt. Das kommt einer Entlassung zum Anfang einer Saison gleich. Die Mannschaften haben sich in den Trainingslagern in der Winterpause noch einmal an ihren Trainer gebunden. In der Regel wechseln die Vereine im Herbst ihre Coachs, wenn es nicht gut läuft. Dann besteht mehr Zeit, um sich an ein Team zu gewöhnen und eine Wendung zum Guten herbeizuführen.
Der FC Bayern München hat die K-O.-Runde der Champions League erreicht und hat den Kontakt zur Spitze noch nicht verloren. Gibt es tatsächlich sportliche Gründe für die Entlassung?
Die jetzige Situation entspricht nicht den Ansprüchen und der Verein hat wohl Existenzängste bekommen. In der Regel spielen Bayern unattraktiv, aber erfolgreich. In dieser Saison ist die Spielweise anders: unattraktiv und erfolglos. Das führt soweit, dass andere Vereine schon schadenfreudig reagieren. Mit Hitzfeld wollen die Bayern wohl ihr altes Image herstellen.
Hat Magath, eher ein stiller Mensch, zu den lauten Bayern gepasst?
Er war kein Fremdkörper in München. Sonst hätte er nicht fünf nationale Titel mit dem Verein holen können. Natürlich ist er sehr gradlinig - vielleicht zu gradlinig für die Bayern. Er weiß was er will und geht keine Kompromisse ein. Aber die Spieler, mit denen ich noch Kontakt habe, haben mir nie von Problemen erzählt.
Für jeden Trainer ist es schwierig, in München zu arbeiten. Beckenbauer, Rummenigge und Hoeneß sind sehr sehr kompetente Leute, die in die Arbeit des Coachs hineinreden. Zum Teil auch über die Medien.
Häufig wird als Begründung für Entlassungen angegeben, dass Trainer die Spieler nicht mehr erreichen würden. Spielt dieses Phänomen bei der Trennung eine Rolle?
Nein, das glaube ich nicht. Magath ist zwar eher still, hat seine Mannschaft aber im Griff gehabt. Aber das Team, mit vielen eigenwilligen Charakteren, kommt mir insgesamt schwierig vor. Nur ist das nicht Magaths Schuld, sondern die der Vereinsführung. Diese müssen sich fragen, ob sie bei den Transfers alles richtig gemacht haben. Was die Einkaufspolitik angeht, so können die Münchener in dieser Saison von Werder Bremen lernen.
Die falsche Einkaufspolitik wird auch dem HSV vorgeworfen, der sich von Thomas Doll getrennt hat. Wäre es bei dieser Entlassung konsequent, auch den Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer zu feuern?
Vielleicht hätte er mit Doll jetzt gehen müssen, das wäre konsequent. Aber vermutlich wird im Sommer ein Resumée gezogen und dann über eine Trennung von Beiersdorfer gesprochen. Allerdings ist er nicht alleinig verantwortlich für die Transfers. Bernd Hoffmann entscheidet ebenfalls mit. Zusammen haben sie die erfolgreiche Achse (Anmerkung: van Buyten, Beinlich, Barbarez) verkauft, die sie mit neuen Spielern so nicht besetzen konnten. Dadurch war die Mannschaft zu Beginn der Saison nicht eingespielt und hat viel verloren. Wie in einer Spirale ging es dann mit dem Verein bergab.
Hätte Doll nicht schon eher den HSV verlassen müssen?
Ich schätze ihn sehr. Aber schon im späten Herbst war erkennbar, dass alle seine Versuche, etwas zu verändern, nicht funktionierten: Er hat Stammspieler ausgewechselt, hat positiv auf die Mannschaft eingeredet oder auch und mal die Sau raus gelassen. Aber er hat nichts mehr bewirkt. Dann verliert ein Großteil der Mannschaft einfach den Glauben an ihren Häuptling. Keiner möchte ihn menschlich oder sportlich angreifen, aber zu dem Zeitpunkt hätte er gehen müssen. Stattdessen hat der Vorstand gewartet, dass irgendwelche Knoten platzen. Auch das ist nicht passiert.
Ist es einem Profi denn bewusst, dass er den Glauben an den Häuptling verloren hat?
Das passiert absolut unbewusst. Als Spieler glaubst du dem Trainer, auch in schwierigen Situationen. Dauern diese Phasen zu lang, dann braucht die Mannschaft dringend eine neue Ansprache. Im Grund könnte man ihr einen Showmaster vorsetzen, der nichts von Fußball versteht, sondern nur andere Worte findet. Häufig leidet man als Profi mit dem Trainer.
Glaubt man als Spieler, dass man mit einem erfolglosen Trainer noch Erfolg haben wird?
Das hängt von der Erfahrung ab. Als älterer Spieler kennst Du die Zwickmühle: Du magst den Trainer, glaubst aber nicht mehr daran, dass man zusammen aus dieser Situation noch heraus kommt. Es ist einfach schwierig für einen Verein, der lange nicht gewonnen hat, wieder aus dem Sumpf heraus zu kommen.
Gibt es den Zeitpunkt, an dem ein Spieler merkt, dass der Trainer bald entlassen wird?
Ja. Aber es geht darum, den Verein zu retten. Irgendetwas muss passieren. Es muss ein Impuls gesetzt werden. Als Spieler hoffst Du, dass der nächste Coach einen Sack voll Glück mitbringt. Ich kenne das aus meiner Zeit in Dortmund: Bernd Krauss ging und Udo Lattek kam. Und mit ihm der Erfolg.
Aber hinter dem Erfolg steckt doch mehr als Glück?
Jeder neue Trainer versucht kleine Erfolgserlebnisse zu provozieren. Und das muss dann auf dem Spielfeld zum tragen kommen. Lattek hatte damals die richtige Ausrichtung gefunden. Er hat in dieser Situation das Richtige gemacht. Ein neuer Trainer muss sich erstmal ein Bild davon machen, wo die Probleme einer Mannschaft liegen und diese punktuell bekämpfen. Dazu zählt, dass er viel redet. Der Arbeitsschwerpunkt neuer Trainer liegt in der Psychologie!
Die psychologische Faktoren sind das wichtigste an einem Trainerwechsel?
Häufig haben Trainerwechsel eine reinigende Wirkung. Die Medien und Fans reagieren wieder ruhiger und dadurch fällt der Druck. Dadurch bekommen Spieler noch einen Push und werden lockerer. Die Bälle, die vorher an den Pfosten gingen, gehen plötzlich rein. Fußball ist manchmal nicht erklärbar.
Tragen die einzelnen Spieler auch dazu bei, dass es mit einer Mannschaft dann bergauf geht? Schließlich muss jeder Profi unter einem neuen Trainer beweisen, dass er zu den besten elf gehört.
Klar. Jeder hat die Hoffnung, seine eigene Situation zu verbessern: die Amateure wollen gerne zu den Profis aufrücken, die Ersatzspieler wollen in die Stammelf. Jeder hat seine eigene Motivation. Außerdem wissen die Spieler, dass der Verein auf eine Krise reagiert hat, und es nun an ihnen liegt, noch einmal richtig Gas zu geben.
Verliert man als Spieler den Glauben an einen Verein, nachdem dieser einen Trainer nach Bekundungen der Nibelungentreue dann doch entlässt?
Nein, jeder Spieler kennt das Geschäft. Er weiß genau: das, was heute geredet wird, gilt morgen schon nicht mehr. Wenn man damit nicht klar kommt, hat man den falschen Beruf gewählt.
Die Fragen stellte Ulrich Dehne
