ZEIT online-Kolumne von Fredi Bobic (16.11.2006)
"Kein Beinbruch"
Die Begegnung gegen Zypern war schwach. Aber man sollte sie nicht zu hoch bewerten, fordert Fredi Bobic
Häufig reagieren wir himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt, gerade wenn es um Fußball und unsere Nationalmannschaft geht. Entsprechend müsste die spielerisch schlechte Partie der deutschen Elf gegen Zypern uns beunruhigen. Aber dazu gibt es eigentlich keinen Grund. Philipp Lahm hat Recht, wenn er sagt, dass auch schlechtere Leistungen als bei der Weltmeisterschaft einfach dazugehören. Gerade in einer Qualifikation ist es normal, dass nach mehreren ansprechenden Auftritten eine Begegnung mit Leerlauf folgt.
Das liegt auch am Gegner. Die Zyprier sind schwieriger zu schlagen als San Marino oder Wales. Der Fußball auf der geteilten Mittelmeerinsel hat sich seit dem Beginn des neuen Jahrtausends stark entwickelt. Sie haben Länder wie Wales oder San Marino, unsere anderen Gruppengegner, längst überholt. Neben einer teilweise hohen individuellen Qualität einzelner Spieler zeichnet die Mannschaft sich durch eine beeindruckende Motivation aus. Giftig, so nennt man die Spielweise solcher Mannschaften. Gerade in Nikosia, auf einem als Acker zu bezeichnenden Platz vor nur wenigen tausend Zuschauern, haben fast alle Gegner Probleme.
So ist es auch kein Wunder, dass nach der langen Länderspiel-Saison - immerhin war das Unentschieden der 18. Nationenvergleich in diesem Jahr - die deutsche Mannschaft keinen Galafußball bot. Die Schwächen im Spiel zogen sich am Mittwoch durch alle Mannschaftsteile. Hauptursächlich sind die Formschwankungen fast aller Akteure auf dem Platz, die sich in den letzten Begegnungen in den Ligen schon gezeigt hatten. Dieses Phänomen ist nicht verwunderlich und schon gar nicht nur in Deutschland zu beobachten. Auch die WM-Teilnehmer anderer Länder zeigen nach all den Strapazen in diesem Jahr nicht mehr konstant gute Leistungen.
Wie jeder Arbeitnehmer nach einer langen, anstrengenden Phase einer Dauerbelastung, so bauen auch Profis ab. Müdigkeit macht sich in den Gliedern, vor allem aber auch im Kopf breit. Fast alle Nationalspieler müssen in einem 3-Tage-Rhythmus ihre Fähigkeiten beweisen. Dieser Dauerdruck mergelt Körper und Psyche aus. Zudem leidet die Motivationsfähigkeit. Auch die Ansprachen der Trainer wirken dann nicht mehr wie zu Beginn einer Spielzeit. So werden sich Ballack, Lahm, Klose & Co. bis in die Winterpause schleppen - um dann richtig zu regenerieren.
Im nächsten Jahr haben die Spieler hoffentlich wieder eine neue Frische. Sie werden im März aufnahme- und leistungsfähiger sein, wenn sich das Nationalteam zur ersten Partie gegen die Schweiz trifft. In diesem Freundschaftsspiel kann sich die DFB-Auswahl vor heimischen Publikum, ohne Druck auf die wichtigste Prüfung in 2007 vorbereiten: Die Qualifikationsbegegnung gegen Tschechien. Gegen dessen starke Mannschaft spielt Deutschland um den Gruppensieg. Diese Partie wird daher zur eigentlichen Messlatte werden.
Das wirklich nicht schöne Spiel gegen Zypern aber sollte uns nicht weiter beschäftigen. Das war ein kleiner Kratzer, aber kein Beinbruch. Unerwartete Remis gehören zu einer Qualifikation. Die Ziele für das nächste Jahr sehen indes anders aus. Durch die wunderbaren Auftritte während der Weltmeisterschaft und der bisherigen Qualifikation für die EM hat man die Messlatte sehr hoch gelegt. Auch 2007 wird jene begeisternde Spielweise aus den Sommermonaten erwartet. Das selbstformulierte Ziel des DFB, der Gewinn der Europameisterschaft, ist ambitioniert. Vielleicht ist die kleine Euphoriebremse des Zypern-Spiels notwendig, um die Bodenhaftung zu bewahren und solche Ziele konsequent zu erarbeiten.
