ZEIT online-Kolumne von Fredi Bobic (08.09.2007)
Ein echter Härtetest
Am Sonnabend trifft die DFB-Elf in der EM-Qualifikation auf die knochenharten Waliser. Trotz vieler Ausfälle bleibt Deutschland Favorit. Ein Vorbericht
Das Millennium Stadium in Cardiff ist eigentlich Heimstätte der walisischen Rugby-Nationalmannschaft. Dort trifft am Samstag die deutsche Nationalmannschaft auf ihren nächsten Gegner in der EM-Qualifikation. Passend zum Ort des Geschehens könnte es durchaus sein, dass sich manch ein Vertreter der DFB-Elf im falschen Film, sprich in der falschen Sportart wähnen könnte.
Denn sicher scheint, dass es in der Partie ordentlich zur Sache gehen wird. Die Waliser, die sich noch nie für eine EM-Endrunde qualifiziert und auch dieses Mal kaum Teilnahme-Chancen haben, werden ihr Glück im Kampf suchen. Das könnte die einzige Möglichkeit sein, um den körperlich überlegenen Deutschen den Schneid abzukaufen.
Hier, im kleinsten Landesteil Großbritanniens, wird noch der traditionelle Insel-Fußball gespielt. Damit ist das berühmte kick and rush gemeint, also die Taktik, Bälle per Flanke weit nach vorne zu spielen. In England ist diese Spielart längst durch die Einflüsse ausländischer Trainer wie Mourinho, Wenger oder Erikson verdrängt worden. Doch die Waliser werden mit diesem Mittel, gepaart mit hartem körperlichen Einsatz, versuchen, dem deutschen Spiel zu trotzen.
Die Spieler des walisischen Trainers John Toshack werden nur müde lächeln, wenn sie die aktuelle Diskussion der Bundesliga um „Artenschutz“ der Techniker verfolgen. Sie sind hart im Nehmen und gut im Austeilen. Doch bevor man sie des unfairen Spiels beschuldigt, sei zur Ehrenrettung der Waliser gesagt, dass sie die versteckten, hinterhältigen Fouls, die häufig in der Bundesliga begangen werden, verpönen.
Bei aller Kampfeslust wird Wales nicht viel ausrichten können. Ich glaube nicht an eine Überraschung, auch wenn Bundestrainer Jogi Löw auf viel Erfahrung und spielerische Klasse verzichten muss, da mit Michael Ballack, Thorsten Frings und Bernd Schneider das gesamte WM-Mittelfeld ausfällt.
Gravierend erscheint mir der Verzicht auf den Bremer Frings, der mit seiner positiven Ausstrahlung und Willensstärke das Team mitreißt und Führungsaufgaben übernimmt. Da als potenzieller Vertreter auch Philip Lahm wegen einer Verletzung ausfällt, droht auch diese Position zur Schwachstelle im deutschen Spiel zu werden.
Und Ballack? Natürlich fehlt er dem deutschen Team. Doch ist es gut, dass er für mehrere Spiele ersetzt werden muss. Seine Abwesenheit fördert, so paradox, wie es klingt, die Entwicklung der jungen Spieler. Ballack, in dessen Heimatverein Chelsea gerade eine absonderliche Diskussion geführt wird, ist das Leittier der Mannschaft, hinter dem sich die anderen verstecken. Er polarisiert so stark, dass er jeglichen Gegenwind auf sich zieht. Nun stehen andere wie Schweinsteiger, Mertesacker oder Metzelder in der Verantwortung und können daraus lernen.
In der Qualifikation können wir noch auf Ballack verzichten. Aber bei der Euro 2008 muss er dabei sein, wenn wir unserer Favoritenrolle gerecht werden wollen, die sich das Team durch gute Leistungen der vergangenen Monate erarbeitet und erspielt hat. Doch bevor wir an die EM denken, muss Wales erst mal geschlagen werden.
