ZEIT online-Kolumne von Fredi Bobic (19.11.2007) 

An der Ehre gepackt

Mit dem 4:0 im Länderspiel gegen Zypern hat die Elf von Bundestrainer Jogi Löw weder geglänzt noch enttäuscht. Wichtig ist: Die Einstellung im Team stimmt. Eine Spielanalyse

Ein Schützenfest hatten wir uns gegen Zypern erhofft, aber mit dem 4:0 sind wir nun auch zufrieden. In dieser, zum Sichtungsspiel minimierten Qualifikations-Begegnung war die Einstellung der Truppe das Wichtigste, und sie stimmte. Die Fans in Hannover konnten ein Freudenfest feiern.

Dennoch war es ein Pflichtsieg, nicht mehr. Ein Spiel, das gute wie schlechte Erkenntnisse brachte. Die beste, ganz klar: Die Mannschaft hat über 90 Minuten eine gute Einstellung gezeigt und sich für das 0:3 gegen Tschechien in München rehabilitiert. Da hat man in vergleichbaren Situationen schon ganz andere Auftritte deutscher Nationalmannschaften erlebt. Nein, es ist Bundestrainer Joachim Löw gelungen, den Charakter zu kitzeln, die Jungs an ihrer Ehre zu packen und jedem Spieler klar zu machen, dass es doch um viel ging - um die Qualifikation jedes Einzelnen nämlich, der in den 23er Kader für die EM berufen werden möchte.

Besonders gut angekommen sind des Trainers Worte offenbar bei Lukas Podolski. Ich weiß nicht, ob er aufgrund des Drucks, den er auch beim FC Bayern verspürt, endlich einmal wieder sein Herz in beide Hände nahm oder ob er lernwillig war. Jedenfalls hat er ein tolles Spiel geboten, nicht nur wegen seines Treffers und der Steilvorlagen, sondern weil er sich gut bewegte, nachsetzte und teilweise auch noch hinten mitarbeitete. So hat er gegen die nicht zu unterschätzende Konkurrenz im Kampf um die vielleicht fünf Sturmplätze im Euro-Kader seinen Stellenwert aufgepeppt. Auch wenn Podolski die heute erkennbare, gute Einstellung etwas regelmäßiger abrufen sollte.

Um die Offensivabteilung muss uns jedenfalls nicht so arg bange sein. Mit dem auch gegen Zypern sehr engagierten Miro Klose, dem noch fehlenden Kevin Kuranyi, dem dieses Mal glücklosen Mario Gomez, mit den beiden nominierten Mike Hanke und Oliver Neuville, aber auch mit meinem persönlichen Geheimtipp Stefan Kießling und nicht zuletzt eben mit Poldi, bieten sich beste Variationsmöglichkeiten. Das Mittelfeld von Hannover kann in der Bewertung nachrangig behandelt werden, da mit Ballack, Frings, Schneider und Schweinsteiger das vermeintliche Top-Quartett fehlte.

Bliebe die Defensive. Hier mache ich mir um die rechte Seite so meine Gedanken. Arne Friedrich kommt einfach nicht mehr in die Verfassung, die ihn ehemals zum unumstrittenen Akteur für die Nationalmannschaft machte. Zudem zeigte auch Christoph Metzelder gegen Zypern deutliche Schwächen, Jens Lehmann musste nicht nur einmal beweisen, dass er auch ohne Spielpraxis ein Garant für Erfolge darstellt.

Ich habe mich im Übrigen gefreut, dass Joachim Löw zu Jens gehalten hat. Er hätte es sich in Hannover leicht machen können, wenn er auf Robert Enke als Heimspieler gesetzt hätte. Gerade in dieser Situation aber Jens Lehmann aufzustellen, war ein wichtiges Zeichen. Löw lässt seine Hackordnung der Torhüter durch die Ausbootung des Routiniers Lehmann bei Arsenal London nicht durcheinander bringen. Zumindest noch nicht.

Sind wir also zufrieden mit diesem 4:0 und beachten dennoch, dass es sich mit Zypern Gott sei Dank nicht um einen ernstzunehmenden Gegner handelte. So konnte die Euphorie im Land und unter den Fans wieder geschürt werden. Trainer und Mannschaft werden das Spiel aber etwas realistischer und nüchterner analysieren und erkennen, dass zu Lobeshymnen noch kein Anlass besteht.

 

 
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