ZEIT online-Kolumne von Fredi Bobic (19.0.2007)
Eine stürmische Generation
Wer ist der beste Stürmer im Land? Ex-Nationalspieler Fredi Bobic nennt vor dem Länderspiel gegen Tschechien seine Favoriten. Kritik übt er dabei an Lukas Podolski.
Fußball ist relativ einfach. Taktik hin, Spielzüge her – letztlich wird sich ein Trainer immer an den Gegebenheiten, am sogenannten "Spielermaterial" auszurichten haben. Mit anderen Worten: Ohne flinke Stürmer kann man kein Flügelspiel exerzieren, ohne stämmige Verteidiger keinen Sicherheitsfußball. Wenn nun die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Vergleich zu früher einen rundweg ansehnlichen, und beschwingten Offensivfußball spielt, liegt das nur zum Teil an der offensiven Denkweise des Bundestrainers Joachim Löw. Man könnte auch sagen: Er wird zu dieser taktischen Ausrichtung auch aufgrund des vorhandenen "Spielermaterials" gezwungen.
Ich kenne Joachim Löw ja noch aus Stuttgart. Unter seiner Ägide wurde unser junges Team damals auch gefeiert, weil es spektakulären Offensivfußball spielte, Das lag sicherlich am Trainer Löw. Aber ohne Krassimir Balakov, Giovane Elber oder mir wäre das "magisches Dreieck", wie man uns damals nannte, nicht möglich gewesen.
Wie damals, als Verteidiger Verlaat ein verkappter Stürmer war, beginnt auch in der heutigen Nationalmannschaft der Offensivgeist nicht erst im Strafraum. Er fängt ganz hinten an, schon bei Torwart Jens Lehmann, der als erster Bundesligatorhüter selbst ein Tor erzielt hat, und der mit seinen Abwürfen das Spiel schnell macht. Auch in der Viererkette oder im Mittelfeld gibt es zahlreiche Spieler, die verkappte Stürmer sind: Per Mertesacker, Marcel Jansen oder Thorsten Frings zum Beispiel. Vor allem aber steht der Nationalmannschaft ein Arsenal hervorragender Stürmer zur Verfügung, vielleicht sogar der beste deutsche Sturm aller Zeiten. Meine Nachfolger möchte ich für ZEIT online in einer persönlichen Hitliste einstufen.
1. Kevin Kuranyi
Für mich zurzeit Deutschlands Stürmer Nummer eins. Seit dem Verzicht von Jürgen Klinsmann auf seinen schwäbischen Landsmann bei der WM 2006 hat Kevin eine tolle Entwicklung durchgemacht. Er hat aus der Ausbootung, die ihn sehr verletzt hat, die richtigen Schlüsse gezogen, sich nicht zurückgezogen, sondern nach dem Motto "Jetzt erst recht" die Ärmel hochgekrempelt. Sichtlich gereift, ist er aus der deutschen Eliteelf momentan nicht wegzudenken. Er ist kopfballstark und zweikampfstark im Defensivverhalten, beweist zudem auch bei seinen Ausflügen ins Mittelfeld erstaunlich taktisches Geschick.
2. Miroslav Klose
Sein Wechsel zum FC Bayern hat ihn gestärkt, da er nun die volle bayrische Unterstützung erfährt, diese fast schon arrogante "mia san mia"-Mentalität, die starke Spieler noch stärker macht. Ob sie auf Dauer zu dem ja eigentlich eher schüchternen Pfälzer Klose passt, muss sich erst noch zeigen. Was ich mir von Miro sehr wünschen würde: dass er auch einmal gegen die richtig großen Mannschaften, auf Vereins- wie Nationalmannschaftsebene, den Ruf bestätigt, den er genießt.
3. Mario Gomez
Den kleinen Durchhänger, den er gerade durchmacht, darf Deutschlands Spieler des Jahres 2006 nicht überbewerten. Da müssen alle jungen Spieler durch, die so kometenhaft ins Rampenlicht gestoßen sind wie er. Er muss sich den Rückschlägen stellen, sie überwinden - das ist jetzt entscheidend! Zurzeit ist er für mich unser Stürmer Nummer drei, da er auch bereit ist, nach hinten zu arbeiten.
4. Lukas Podolski
Womit das Manko von dem mit reichlich Talent gesegneten Podolski angesprochen wäre. Er bleibt zu oft stehen, spekuliert zu viel und hat vor allem das Problem mangelnder Spielpraxis. Dafür kann nicht die Nationalmannschaft herhalten, weshalb ich seinen Wechsel zum FC Bayern als großen Fehler einschätze. Nun, da er diesen Schritt gegangen ist, muss er beißen und sich anbieten, wann immer es geht. Und sei es über Kurzeinsätze. Denn die Konkurrenz, die ihn aus dem EM-Kader vertreiben könnte, schläft nicht.
5. Stefan Kießling
Dieser in Körperstatur und Spielstil Jürgen Klinsmann so ähnelnde Blondschopf blüht in seiner zweiten Saison in Leverkusen richtig auf. Er besitzt sehr große Qualitäten und auch einen hervorragenden Abschluss. Sicher ist er für die Position des Keilstürmers nicht die Idealbesetzung, eher für die Sturmposition 2. Genau dies macht ihn für "Poldi" umso gefährlicher.
6. Gerald Asamoah
Nicht zu vergessen: die Schalker Stimmungskanone. Sicher ist der Abstand zu dem Führungsquintett derzeit groß. Aber bis zur Nominierungsfrist vergehen noch sieben Monate, und es bleiben noch Möglichkeiten, die Hackordnung ordentlich durcheinanderzuwirbeln.
Ist man erst einmal im Kader, ist ohnehin vieles möglich: Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Denn 1996, als wir am Ende Europameister wurden, war im Finale der heutige Manager der Nationalelf, Oliver Bierhoff, als Golden-Goal-Schütze der große Held. Zu Turnierbeginn stand er in der Hackordnung aber noch hinter Jürgen Klinsmann, Stefan Kuntz und mir auf Platz vier. Er profitierte dann von unseren Verletzungen – und dem Gespür von dem damaligen Trainer Berti Vogts. Ein ähnlich gutes Gespür wünsche ich nun auch Jogi Löw!
