Die Zeit (31.07.2003)
Wasserträger
Fredi Bobic, 31, Sohn eines Slowenen und einer Kroatin, spielte als 6-jähriger Fußball in seinem Gubrtsort Bad Cannstadt. Seine Profikarriere führte ihn zum VfB Stuttgart. 1996 wurde er Nationalspieler, 1999 wechselte er zu Borussia Dortmund. Nach einer Zwischenstation in England rettete er in der vergangenen Saison Hannover 96 vor dem Abstieg und wurde Stammspieler in der Nationalelf. In der kommenden Saison stürmt er für Hertha BSC Berlin. Bobic träumt davon, als Feuerwehrmann in New York Leben zu retten.
Mit meinem Image, ein Feuerwehrmann in Fußballclubs zu sein, bin ich immer offensiv umgegangen. Vereine vor dem Abstieg zu bewahren ist zwar niemals die Leistung eines Einzelnen, aber mancher brennt eben mehr für seinen Job, mancher weniger. Schon als kleiner Junge träumte ich davon, ein Feuerwehrmann zu werden, der in glitzernden roten Autos unterwegs ist, eine lässige Uniform trägt und mit einem einzigen Wasserstrahl Feuer löscht. Ich wollte Leben retten. Ich wollte als Erster vor Ort sein, wenn mich Menschen brauchten. Und mich faszinierten diese Männer, die rußgeschwärzte Gesichter hatten und niemals wirkten, als hätten sie Angst.Wenn ich einmal nicht mehr fit genug bin, um schnell genug übers Feld zu stürmen, stelle ich mir vor, meinen Traum zu erfüllen: Feuerwehrmann in New York. Teil eines Teams sein, das seine Stadt verteidigt, die voller Superlative ist. Auch ich würde einen Eid darauf schwören, den Big Apple zu verteidigen, als wär’s meine Heimatstadt. Jedes Jahr bin ich in Amerika, in New York, und mittlerweile fühle ich mich dort schon wie zu Hause. In meinem Traum heuere ich auf einer Wache an der Fifth Avenue an. Ich bekomme einen dunkelblauen Anzug mit dem gelben Schriftzug: NYFD. Als fire fighter ohne Erfahrung schickt man mich an den Telefoncomputer, bei dem die Hilferufe eingehen. Mir hat es noch nie etwas ausgemacht, von vorn zu beginnen oder aber zu ertragen, dass ich nicht der Erste in einem Team bin. Den Job des Feuerwehrmanns in New York muss man von der Pike auf lernen. Die Jungs dort, das sehe ich auf den ersten Blick, sind sehr viel kräftiger als ich. Wenn sie unter der Dusche stehen, sehe ich Muskeln auf den Schulterblättern, kräftige Unterarme und Hände voller Schwielen. Wer mich anschaut, ahnt zu Recht: Fredi Bobic kann vielleicht schnell rennen, aber einen Schlauch mit einem Zwölf-Bar-Wasserdruck zu halten, der stark genug wäre, einen Bungalow wegzupusten – nein, das könnte er nicht. Oder erst die so genannten hydraulischen Spreizer, mit denen man eingeschlossene oder eingeklemmte Unfallopfer rettet: Sie sind so schwer, dass ich sie allein nicht halten kann.
In meinem Traum trainiere ich wie besessen den schnellen Anschluss der Schläuche an Kupplungen, Armaturen und Stahlrohre. Ich erlerne verschiedene Löschtechniken, klassifiziere Brände, forsche nach Brandursachen, kenne chemische Zusammensetzungen von Löschmitteln und erfahre, welche Atemgifte mich oder ein Brandopfer zu Tode bringen können. Ich übe das Balancieren auf Leitern, das Bewegen von Lasten, das Aufschneiden und Trennen von Stahlteilen und wie man seine Einsatzstelle richtig sichert und beleuchtet. Ich will zu meinem ersten Einsatz. Ich will das Element kennen lernen, das mich daheim am Kamin so schön wärmt, aber bei einem unkontrollierten Ausbruch die Zerstörung bringt.
Ich rücke aus. Der Feuerwehrmann Bobic steht einem Feind gegenüber, der mich ebenfalls als Feind empfindet. Feuer hat Hunger, will fressen und gibt bei seiner Suche nach Nahrung nur unfreiwillig nach. Bei meinem ersten Einsatz geht mir durch den Kopf, wie ich manchmal im 16-Meter-Raum vor Barrikaden aus Körpern stehe, die nichts weiter im Sinn haben, als mich in keinem Falle durchzulassen. Mann gegen Mann ist wie Mann gegen Feuer. Die brennen darauf, dich umzuhauen, du brennst darauf, das Tor zu machen. Als ich in den Raum vorrücke, aus dem die Flammen kommen, hoffe ich, Erinnerungen der Menschen retten zu können. Briefe, Fotoalben, Bücher und Schmuck sind Werte, Zeugen der eigenen Vergangenheit. Ist hier etwa noch ein Mensch? Ich bin furchtlos, auch in meinem Sport, ich treibe mich an, um vorwärtszukommen. Qualm versperrt mir die Sicht, meine Augen brennen, weil ich in meiner Aufregung die Schutzmaske verschoben habe. Ich höre ein Wimmern und sehe da ein Kind, das so alt sein könnte wie meine jüngste Tochter. Ich entreiße es dem Inferno und bemerke dabei nicht, wie schwer die Ausrüstung an meinem Körper zerrt. Als das Kind versorgt ist und ich wieder in der Wache bin, fühle ich mich wie nach einem hart umkämpften Spiel: Ich sehne mich nur noch nach Ruhe und nicht nach einem Gespräch darüber, wie es war und was ich fühlte.
Am nächsten Morgen berichten die Zeitungen über den Brand und dass wir Jungs von der Wache an der Fifth Avenue Helden seien. »Wir sind stolz auf euch!«, titelt eine Zeitung, und ich fühle mich wie ein Sieger. Ich telefoniere mit meiner Frau, erzähle ihr von meinem ersten Einsatz und dass ich dabei ein Kind gerettet habe. Sie gratuliert mir und fragt dann: »Fredi, weißt du noch, wie du den vielleicht gefährlichsten Brand, unsere Beziehung, gelöscht hast?«
Vor sieben Jahren geriet mein Verhältnis zu Britta in eine gefährliche Schräglage. Wir waren seit meinem 18. Lebensjahr zusammen und machten nie etwas ohne den anderen. Nach etwa fünf Jahren hatte ich das Gefühl, alles probiert, alles gemacht und alles erlebt zu haben. In mir arbeitete ein Teufelchen, das mir suggerierte, ich müsse doch mit 24 noch mal die Sau rauslassen und mich nicht auf Ewigkeiten an dieselbe Frau binden. Doch davor hatte ich Angst: Was heißt es, wieder solo zu sein und praktisch alle schönen Erinnerungen und gemeinsamen Stunden wie einen Eimer Brackwasser über die Reling eines Schiffes zu schütten? Ich sagte mir damals: Wenn du jetzt nicht die Initiative ergreifst und Beziehungsfeuerwehr spielst, stehst du sehr schnell vor einem verkohlten Lebensgerüst.
Ich sagte zu meiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau: »Lass uns eine Familie gründen. Lass uns neue Höhepunkte schaffen, die uns noch mehr zusammenschweißen als bisher.« Heute weiß ich, es war die wohl dramatischste Entscheidung meines bisherigen Lebens, denn sie bedeutete, Verantwortung zu übernehmen.
Mein Kindertraum vom Feuerwehrmann hat auch mit meinem frühen Wunsch zu tun, vorne zu sein und lieber initiativ zu sein als einer, dem man alles befehlen muss. Dass ich dabei wohl auch mein Leben aufs Spiel setzen müsste, fiel mir natürlich nicht ein, denn es ist eher ein romantischer Kindertraum. Ginge ich heute als fire fighter nach New York, hätte das mit Romantik nichts mehr zu tun. Ich ginge nach vorn, weil man dort Entscheidungen treffen muss und ein Ziel erreicht. Ich würde für meine Leistungen anerkannt und gefeiert, so wie sich das für Menschen gehört, die für andere ihr Leben riskieren. Mehr jedenfalls als für den Fußballer, der ich im wirklichen Leben bin.
AUFGEZEICHNET VON MARC KAYSER
