Zeit online (14.04.2006)
"Schon seltsam"
Interview mit Fredi Bobic über Klinsmanns Entscheidung für Lehmann
ZEIT online: Herr Bobic, Jürgen Klinsmann hat sich für Jens Lehmann entschieden. Entgegen seiner Ankündigung hat er sich nun zu einem früheren Zeitpunkt festgelegt. Warum hat er jetzt schon gehandelt?
Fredi Bobic: Dieser Weg ist schon sehr seltsam. Eigentlich sollte die Entscheidung im Mai gefällt werden. Dann hat Bayern München medialen Druck ausgeübt und nun ist die Entscheidung ad hoc zustande gekommen. Die Stimmung hat sich in den letzten zwei Wochen gedreht. In der Öffentlichkeit wird Oliver Kahn gerade eine Schwächephase eingeredet, obwohl er nur einen Fehler im Köln-Spiel gemacht hat. Einen Fehler muss man einem Torwart auch zugestehen. Wie dann die Bekanntgabe durch die Bild verlaufen ist, bevor es offiziell bestätigt wurde, das machte auf mich ebenfalls einen sehr merkwürdigen Eindruck.
ZEIT online: Glauben Sie, dass die Entscheidung am Freitag gefallen ist?
Bobic: Das bleibt im spekulativen Raum. Aber genau das ist, was mich verwundert: Erst hat der Trainerstab entschieden, die Bekanntgabe der Nr.1 zu verzögern, dann hat Klinsmann am Donnerstag angekündigt, die Torwartfrage am Freitag zu diskutieren. Und an diesem Tag fiel dann auch die Entscheidung. Zwar sind alle Beteiligten richtig informiert worden, aber auch dieser Prozess ging sehr zackig. Wenn man diese Entwicklung mal niederschreibt, dann bleiben viele Fragen offen. Äußerlich gesehen ist die Entscheidungsfindung unglücklich verlaufen. Aber vielleicht ist sie intern auch bewusst so gewählt worden. Das wissen nur die verantwortlichen Personen.
ZEIT online: Sie haben sich für Oliver Kahn ausgesprochen. Ist Klinsmanns Entscheidung dennoch für Sie nachvollziehbar?
Bobic: Ich als älterer Spieler bin mit dem Typ Kahn sehr gut zurecht gekommen. Nichts gegen Jens Lehmann: Aber Olli hat in der Nationalmannschaft immer eine Sicherheit dargestellt. Sicherheit in dem Sinne, dass man wusste, der kann alleine Spiele retten. Aber die Vorzüge von Jens Lehmann sind unbestritten. Er ist ein fantastischer Torwart. Die Volkesmeinung wird sich an Kahn und Lehmann immer teilen. Aber für Jens spricht seine sehr gute Saisonleistung und seine Entwicklung, wie er sich nach Außen gibt. Früher wirkte er immer ein bisschen pampig und enttäuscht. Das hat er abgestellt und strahlt mehr Selbstvertrauen aus. Jetzt präsentiert es sich cool und gelassen. Lehmann ist ein toller Torwart für die Nationalmannschaft. Also mag die Entscheidung richtig sein.
ZEIT online: Wer wird Ihrer Meinung nach die Nummer 2 werden?
Bobic: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Oliver Kahn auf die Bank setzt.
ZEIT online: Dann bleibt ihm also nur der Rücktritt.
Bobic: Ich würde an seiner Stelle ein oder zwei Wochen verstreichen lassen. Eigentlich hat er das Alter um sich ein bisschen Zeit zu geben. Aber der Druck von außen wird vermutlich so stark sein, dass er sich schnell entscheiden muss. So wie ich Oliver kenne, ist er konsequent und wird sich nicht lachend als Ersatztorwart anbieten.
ZEIT online: Und der Einfluss der Entscheidung auf das Stimmungsumfeld der DFB-Elf?
Bobic: Ich glaube nicht, dass jetzt Ruhe einkehrt. Diese Entscheidung wird die Mannschaft und auch die Trainer noch einige Wochen beschäftigen. Sowohl die Medien als auch die Bayern werden dieses Thema noch lange diskutieren. Aber vor der Weltmeisterschaft werden sich alle Parteien zusammenraufen, damit Deutschland so erfolgreich wie möglich auftritt.
Das Interview führte Ulrich Dehne
