Kicker-Kolumne von Fredi Bobic (13.10.08)
Löw macht starke Entwicklung
Fredi Bobic, Europameister von 1996, zur Situation der deutschen Nationalmannschaft nach dem 2:1-Erfolg über Russland sowie dem Rauswurf von Stürmer Kevin Kuranyi.
Ich kenne Jogi Löw nun schon seit er 1995 als Co-Trainer beim VfB Stuttgart angefangen hat. Seit damals hat er eine unglaublich starke Entwicklung gemacht - und er entwickelt sich immer weiter. Jogi weiß, was er kann, hat an Erfahrung und Autorität dazugewonnen, seine Aussagen haben enorme Substanz, die Nationalmannschaft trägt seine Handschrift. Und immer wieder zeigt Löw neue Facetten. Wie rund ums Russland-Spiel.
Da sind ihm gleich mehrere gute Schachzüge gelungen. Statt auf Frings setzte er auf Hitzlsperger; der Stuttgarter machte Arshavin das Leben schwer. Mit Trochowski brachte der Bundestrainer frische Kreativität ins Spiel. Und im Tor hat René Adler seine Extraklasse unter Beweis gestellt. Der Leverkusener ist der ganz große Gewinner dieses Spiels.
Dass Löw Frings auf der Bank ließ, würde ich nicht überbewerten. Das hat wohl damit zu tun, dass der Bremer noch nicht bei den hundert Prozent ist, die man von ihm kennt. Allerdings war es auch ein Zeichen an die ganze Mannschaft: Der Bundestrainer wollte alle für die Wichtigkeit der beiden Länderspiele gegen Russland und am Mittwoch gegen Wales sensibilisieren, Konzentration und Motivation fordern und fördern.
Schade, dass Kevin Kuranyi mit seinem Verschwinden den Fokus weg von diesem respektablen Erfolg über die Russen hin zu seiner Person gezogen hat. Eine Kurzschlussreaktion, die ich nicht gut finde. Vor allem die Art und Weise ist nicht okay. Seinen Frust in allen Ehren, aber er hätte ihn erst mal runterschlucken müssen. Um dann, nach den beiden Länderspielen, seinen Rücktritt ganz offiziell und sauber zu erklären. So bleibt immer etwas hängen.
Kevin hat sich damit keinen Gefallen getan. Ich fürchte, dass ihn diese Aktion verfolgen, dass ihm künftig ein ziemlicher Gegenwind ins Gesicht blasen wird. Auf Schalke, wo ihn die Fans sowieso schon auf dem Kieker haben. Und in den gegnerischen Stadien, wo die Anhänger sicher Salz in seine Wunden streuen werden. Ich bin mal gespannt, ob er angesichts seiner Situation nicht plötzlich sogar noch seinen Abschied aus der Bundesliga verkündet. Weg ins Ausland, um ganz neu anzufangen.
